Die Stimmung war eher zurückhaltend – die Teilnehmenden, sowohl Frauen als auch Männer, schienen zögerlich, sich auf das Thema einzulassen. Der Trainer versuchte mehrmals, Freiwillige zu finden, die den Zyklus anhand des ZyklusTOOLS "BABYKETTE" erklären wollten, doch niemand traute sich. Etwa sechzig Augenpaare blickten uns interessiert, aber distanziert an – als sprächen wir über ein völlig fremdes Thema. Daraufhin entschloss ich mich, das Gespräch zu drehen und wandte mich direkt an die Frauen im Raum:
„Liebe Frauen, es geht um uns! Was erleben wir während des Zyklus? Lasst und ehrlich über unsere Erfahrungen reden und voneinander lernen.“
Langsam begannen erste Frauen, ihre Erfahrungen zu teilen. „Bevor ich blute, fühle ich mich unglaublich müde!“ oder „Ich habe Schmerzen während meiner Menstruation.“ Und schließlich: „Bei meinem Eisprung fühle ich mich so sexy!“ Immer mehr Frauen meldeten sich, und die Atmosphäre im Raum änderte sich völlig. Es wurde lauter und lebendiger – die Frauen fühlten sich selbstbewusst und wertgeschätzt. Sie nahmen ihre Erfahrungen als wichtige Erkenntnisse wahr.
Für die Männer in der Gruppe war es eine ungewohnte Rolle, nur zuzuhören. Vor allem, als es dann mehr und mehr darum ging, dass die Frauen von sexualisierter Gewalt berichteten, wurde die Stimmung emotional. Eine Frau erzählte von der Erfahrung ihrer Nachbarin: ihr Mann beschuldigt sie, fremd zu gehen, wenn sie während der letzten Phase des Zyklus keine Lust auf Sex hat. Manchmal wird sie zum Sex gezwungen.
Nach und nach begannen immer mehr Teilnehmende, ähnliche Vorfälle aus ihren Communities zu schildern. Es zeigte sich deutlich, dass viele Frauen in Beziehungen während zyklischen Phasen mit kleinerer Libido sexuelle Gewalt erfahren.
Die Stimmung im Raum war angespannt, als einige Frauen ihren Zorn über solche Männer äußerten, während andere versuchten, die Situation pragmatisch zu erklären: „Lass ihn doch machen, danach hast du deine Ruhe.“ Eine Teilnehmerin berichtete, dass viele Frauen sich selbst die Schuld für sexualisierte Gewalt geben. Sie wissen nicht, dass der Zyklus ihre Libido beeinflusst. Wer sollte sonst die Schuld tragen, wenn sie keinen Sex möchten, außer sie selbst? Und wie sollen diese Frauen mit ihren Männern sprechen, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse noch nie kennen lernen durften?
Was mich daran begeistert hat: Plötzlich ging es nicht mehr rein um die Biologie der Frau. Es ging um die Veränderungen in ihrem Körper und die weitreichenden Folgen, die das Unwissen über diese Veränderungen haben kann – für die Sicherheit der Frauen, für ihr Leben. Misstrauen, Wut und Gewaltbereitschaft dominieren den Alltag vieler Beziehungen. Was helfen kann ist Aufklärungswissen - über den weiblichen Zyklus, weibliche biologische Bedürfnisse und die Tatsache, dass sie mit den Phasen des Zyklus einhergehen.
Auch die Männer waren immer interessierter und fragten auch immer mehr nach. Ein Mann fasste es am Ende treffend zusammen: „Ich wusste gar nicht, was ihr jeden Monat durchmacht.“ Diese einfache, aber eindringliche Aussage verdeutlicht, wie wichtig es ist, über alle Facetten des Lebens zu sprechen, um das Zusammenleben zu verbessern.
Die Offenheit und Ehrlichkeit der Teilnehmenden im Training erlaubte es ihnen, von einander zu lernen und die Perspektiven der Anderen, besonders zwischen Männern und Frauen, besser zu verstehen. Die Gespräche an diesem Tag legten den Grundstein für ein tieferes Verständnis und stärkere, respektvollere Beziehungen – ein wichtiger Schritt für die gesamte Gemeinschaft.
Der weibliche Zyklus